Das Trockenrausch-Syndrom

Nach R.J. Solberg, Übersetzung der amerikanischen Fassung, 1968

Der umfassend verstandene Fachausdruck „Trockener Rausch“ wird oft auf den Alkoholiker angewendet, dem es nicht gut geht, obwohl er nicht trinkt. Wir wollen ihn im Folgenden auf den süchtigen Spieler beziehen, der ebenfalls häufig unter den Symptomen des Trockenrausches leidet. Das Krankheitsbild des trockenen Rausches besteht aus einer Reihe von Merkmalen, die gleichzeitig auftreten und ein abnormes Verhalten kennzeichnen. Wird das Psychopathische in den Ansichten und dem Verhalten des süchtigen Spielers während der Zeit seines aktiven Spielens allgemein erkannt, so ist das Fortbestehen dieser Charakterzüge, nachdem der süchtige Spieler das Spielen aufgegeben hat, ebenso psychopathisch zu beurteilen.

Der Ausdruck „Trockenrausch“ bezeichnet daher das Ausbleiben einer Wandlung in eine erstrebenswerte Richtung in Haltung und Verhalten des süchtigen Spielers, der nicht mehr spielt. Die Folgen des Ausbleibens dieser angestrebten Wandlung ist, dass der süchtige Spieler Schwierigkeiten in seinem Leben hat. Es kann keinen Zweifel über die Ursache dieser Schwierigkeiten geben.

 

Erkennbare Anzeichen

 

Ein deutliches Kennzeichen des süchtigen Spielers im Trockenrausch ist sein großspuriges und überhebliches Benehmen. Es äußert sich sehr oft in einem nicht einsichtsvollen und sich selbst überschätzenden Verhalten, das andere verletzt oder ihnen sogar komisch erscheint. In dem er alles in seiner Umgebung auf sich selbst bezieht, scheint der süchtige Spieler unfähig zu sein, die Bedürfnisse und das Feingefühl seiner Mitmenschen zu sehen. Er kann fortwährend auf ihre Kosten selbstüberheblich sein, seine Fähigkeiten überschätzen oder über seine Mittel leben; in jedem Falle ist sein Verhalten deutlich nicht realitätsbezogen und kann je nach den Umständen in seiner Auswirkung vom Spaßhaften bis zum Boshaften variieren.

Verwandt mit dem großspurigen und überheblichen Benehmen des süchtigen Spielers ist seine Art, strenge und fertige Urteile zu haben, dass heißt seine Neigung, Ansichten gewöhnlich als „gut“ oder „schlecht“ zu bezeichnen. Da er geneigt ist, mit sich selbst scharf zu Gericht zu gehen (besonders, was das Spielen angeht), können andere manchmal fühlen, dass er ein tiefes Gefühl der eigenen Wertlosigkeit hat. Dieses Gefühl ist jedoch oberflächlich verkleidet, da der süchtige Spieler die gleichen strengen Wertmaßstäbe auf seine Angehörigen, seine Freunde, seine Kollegen und seinen Arbeitgeber anwendet, wie auf sich selbst. Seine Umgebung fühlt mit gewissen Recht, dass er sich selbst am wenigsten Kritik leisten kann, und dies allein ist schon genügender Beweis, dass seine Haltung im Grunde nicht realitätsbezogen ist, ob seine Urteile nun in Wirklichkeit einen gewissen Gehalt an Wahrheit haben oder nicht.

Der süchtige Spieler kann weiterhin äußerst ungeduldig sein. Ungeduld kennzeichnet seine Reaktionen anderen gegenüber als auch dem Leben selbst, ein Verhalten also, das nicht wirklichkeitsbezogen ist, da es die augenblickliche Erfüllung seiner Forderungen notwendig macht. Es ist kennzeichnend für den süchtigen Spieler, dass er sofortige Belohnung für sein Bemühen und augenblickliche Erleichterung seiner Belastung und Schwierigkeit erwartet. Anzeichen der Ungeduld sind sein Zorn oder seine Niedergeschlagenheit, wenn die gesuchte Erfüllung nicht schnell genug kommt.

Großspuriges Benehmen, vereinfachte Urteile und Ungeduld, jene Züge sind so fest im Leben eines süchtigen Spielers verankert, dass sie anderen oft regelrecht als kindisch erscheinen. Ganz wörtlich: der süchtige Spieler ist in vielerlei Hinsicht ein Kind. Er wird leicht gelangweilt, abgelenkt und verwirrt.

Sein Erfolg auf lange Sicht wird dauernd durch das momentane Wechseln seiner Gefühle gefährdet; zu jeder Zeit ist es möglich, dass er seine Murmeln und Klicker nimmt und nach Hause geht. Er kann unfähig sein, Dinge zu schätzen, an denen sich reife Menschen freuen, z.B. Lesen, Gespräche oder ein Film. Seine Begeisterungsfähigkeit ist sehr oft die eines Kindes in Ausdauer und Stärke. Unzufriedenheit scheint sein dauernder Lebenszustand zu sein.

 

Auswirkungen in der Familie, bei Freunden, Kollegen und Angehörigen

 

Der süchtige Spieler, der einen Trockenrausch hat, scheint unfähig zu sein, sich selbst realistisch einzuschätzen. Dies bedeutet, dass er in den meisten Fällen nicht fähig ist, sich so zu sehen, wie andere ihn sehen. Wie sehr er auch in Schwierigkeiten stecken mag, beharrt er trotzdem darauf, sich selbst als schuldlos oder als Opfer der Umstände, die über seine Kontrolle hinausgehen, zu empfinden. Je fester er von seiner Schuldlosigkeit überzeugt ist, desto zäher und klüger wird seine Ablehnung von Hilfe sein, da der erste Schritt zur Wiederherstellung einer normalen Situation darin besteht, dass er die Verantwortung dafür auf sich nimmt. Das unmittelbare Problem für die, die ihm ernsthaft helfen wollen, besteht darin, Bedingungen zu ermöglichen, unter denen es ihm gelingen mag, eine realistische Selbsteinschätzung zu erreichen.

Unglücklicherweise können die Angehörigen des süchtigen Spielers diese Bedingungen nur sehr schwer herstellen. Der süchtige Spieler im Trockenrausch ist immer auch Mittelpunkt vieler Familienstreitigkeiten. Die Reaktion der Angehörigen auf sein Verhalten kann von Entmutigung und Bestürzung bis hin zu Niedergeschlagenheit, Empörung und Bitterkeit reichen. In einer von Aggressionen geladenen Atmosphäre sind die Angehörigen gewöhnlich nicht fähig, den süchtigen Spieler leidenschaftslos zu sehen; objektiv in ihrem Verhalten gegenüber dem Spieler zu bleiben, wird äußerst schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Gerade die Objektivität, die die Familie ihm nicht geben kann, braucht der süchtige Spieler verzweifelt. In einigen Fällen kann es notwendig sein, den Spieler zu überreden, sich selbst als Hilfe anzubieten. Die auf sich selbst gestellten Angehörigen, die versuchen, diesen Heilungsprozess in Gang zu setzen, stehen oft vor erschreckenden Folgen für den süchtigen Spieler ebenso wie für sich selbst.

Die am meisten befriedigende Alternative für alle Betroffenen ist, Hilfe außerhalb der Familie zu suchen. Das sind u.a. Kliniken, Beratungsstellen, GamAnon-Selbsthilfegruppen und der GA-Sponsor des Spielers, wenn er einen hat. Die Suchtkliniken versorgen die Familien mit Informationsmaterial, Hilfen bei der Entscheidung über die Notwendigkeit der Behandlung eines süchtigen Spielers u.a.m. Die Beratungsstellen z.B. Caritas sind mit geschulten und qualifizierten Leuten besetzt, die dem süchtigen Spieler - meist in Form einer ambulanten Behandlung helfen, mit seiner besonderen Situation fertig zu werden.

Die GamAnon Selbsthilfegruppen sind besonders wertvoll, wenn der süchtige Spieler sich in seinem Widerstand gegen Hilfe von außen als besonders halsstarrig erweist. Sie sind mit den Symptomen des Trocken-Rausches vertraut und können anderen Angehörigen eine Fülle praktischer Informationen anbieten. In einigen Fällen kann auch der GA-Sponsor des süchtigen Spielers eine unschätzbare Hilfsquelle sein; er ist gewöhnlich mit den Schwierigkeiten der Familie des süchtigen Spielers vertraut und kann so helfen, Entscheidungen zu fällen. Unter den richtigen Umständen kann es ihm gelingen, den Spieler zu überzeugen, selbsttätig zu handeln und Hilfe zu suchen.

Es soll hier noch angemerkt werden, dass gelegentlich der süchtige Spieler, der GA Erfahrung hat und sich der geistigen Anspannung bewusst ist, die mit dem Trockenrausch-Syndrom auftritt, instinktiv versucht, seine Kontakte zu den Anonymen Spielern zu vertiefen. Dabei kann es vorkommen, dass Familienangehörige oder Freunde, die um ihrer selbst willen finden, dass der Spieler schon genug Zeit bei den Anonymen Spielern verbringt, sich seiner verstärkten Beschäftigung mit GA widersetzen. Doch wenn der süchtige Spieler nicht von selbst seine Beziehungen zu GA vertieft, zeichnet sich im Trockenrausch-Syndrom auch immer ein Rückfall ins aktive Spielen ab. Dies sei von den Angehörigen entsprechend zu beachten.

 

Trockenrausch

 

Der „trockene Rausch“ ist ein Ausdruck, der sich zunächst aus zwei augenscheinlich widersprüchlichen Worten zusammensetzt: „Trocken“ in der einfachsten Bedeutung heißt, dass sich der Süchtige von seinem Suchtmittel fernhält, während „Rausch“ eine tiefe pathologische Voraussetzung meint, die sich aus dem unkontrollierten Suchtmittelmissbrauch ergibt. Zusammengenommen bedeuten die Wörter also eine Intoxikation (Vergiftung) ohne Suchtmittel.

Der Ausdruck „trockener Rausch“ bezeichnet somit einen Geisteszustand und eine Verhaltensweise, die „giftig“ für das Wohlergehen des süchtigen Spielers ist. Solch ein Verhalten kommt allerdings auch im Leben von Nicht-Süchtigen vor, z.B. bei dem Geschäftsmann, der sich im Verkehrsstau voller Ärger und wie wild auf die Hupe wirft, oder bei der Hausfrau, die jeden Montag jahrelang die Wäsche der Familie waschen musste und plötzlich die Familie dafür anklagt, sie schmutzig zu machen. Beide zeigen ein Verhalten, das nicht der Realität entspricht und der Situation nicht angemessen ist. Die selbstzerstörerische Verhaltensweise des im Trockenrausch befindlichen Spielers ist zwar unterschiedlich im Grad ihrer Intensität, aber nicht in ihrer Art. Der süchtige Spieler hat sich in den Jahren seines aktiven Spielens eine äußerst unangemessene und absolut unreife Art angewöhnt, Lebensprobleme zu lösen.

 

Verlauf

 

Wenn der süchtige Spieler offenbar unzufrieden mit sich selbst ist, aber nicht weiß warum, zeigt sich seine fehlende Selbsterkenntnis ganz deutlich. Oft scheinen die Schwierigkeiten seines vergangenen Spieler-Lebens die Gegenwart zu vergiften, und sie wirken sich direkt auf sein augenblickliches Gefühl aus. Auf der einen Seite missbilligt er streng ein Verhalten, das die Gesellschaft als unkontrolliert, selbstsüchtig und verachtenswert bezeichnet. Auf der anderen Seite kann und will er sich nicht die Impulse zu Eigen machen, die solch ein Verhalten lenken. Anstatt die Wirklichkeit anzunehmen, versucht er lieber, seine Selbstachtung zu retten, indem er sich sagt: „Das alles über mich war und kann gar nicht wahr sein“. Aber dieser Schachzug ist nicht ganz erfolgreich, weil er zur selben Zeit erkennt, dass gewisse Gefühle, Regungen, Wünsche etc. unannehmbar für ihn sind. So ergibt sich ein Widerspruch aus dem, was er unklar als Wahrheit erkennt (über seine Gefühle, Regungen, Wünsche) und was ihm seine Selbstachtung erlaubt, als Wahrheit anzunehmen. Dieser Widerspruch ist untragbar auf jeder bewussten Ebene; so verdrängt er ihn aus seinem Bewusstsein und nimmt zu verschiedenen Manövern Zuflucht, die verhindern soll, ihn offen einzugestehen. Soweit es diesen Manövern gelingt, das zu verhüllen, was der Selbstachtung des süchtigen Spielers im Wege steht, wird er gar nicht einmal merken, dass er sie ausführt.

Es kann sogar zu einem regelrechten Leugnen der Wahrheit über sich gegenüber sich selbst und anderen kommen. Der süchtige Spieler kann manchmal alle Tatsachen wissen, ihre wirkliche Bedeutung aber doch nicht richtig erkennen. Er fängt oft an, spitzfindig zu argumentieren. Bei diesen Manövern versucht er, seine Selbstachtung dadurch abzustützen, dass er die Kritik anderer durch Scheingründe zerstreut.

Wie abwegig seine Verhaltensweise auch sein mag, der süchtige Spieler rechtfertigt sich jedes Mal. So hat er auch zahlreiche Gründe, die Anonymen Spieler zu meiden, und jeder Grund kann einleuchtend sein; und doch ist die gesamte Argumentation nur dazu da, um die tiefere Wahrheit zu leugnen, dass er die Anonymen Spieler oder andere Hilfe von außen dringend braucht.

Der süchtige Spieler, der seine eigene Unverantwortlichkeit wegargumentiert, wird wahrscheinlich auch die Verhaltensweise anderer falsch einschätzen. Obwohl er seine Unzulänglichkeiten selbst nicht leugnet, versucht er häufig, die Aufmerksamkeit von ihnen dadurch abzulenken dass er in großer Ausführlichkeit die Fehler seiner Angehörigen, seiner Freunde und Kollegen, seines Arbeitgebers und der Behörden aufzählt. Dies geht so weit, dass er sich darin erschöpfen mag, andere mit sich selbst zu vergleichen. Er verliert damit den klaren Blick; er ist nicht wirklich an einer Wandlung interessiert, sondern will vielmehr mit einiger Berechtigung sagen können: „Nun, ich bin gar nicht so verschieden von anderen.“

Das Manöver der Übertragung ist oberflächlich ganz ähnlich, aber in Wirklichkeit noch unnormaler. Hier überträgt der süchtige Spieler auf andere, was er selbst nicht annehmen kann. Dieses Vorgehen setzt ein hohes Maß an fehlender Selbsterkenntnis voraus, versucht der Spieler doch auf diese Weise, sich seiner „untragbaren Empfindungen und Motive“ dadurch zu entledigen, dass er sie in anderen „erkennt“. Er interpretiert dabei ihr Verhalten als von Gefühlen motiviert, die er bei sich selbst im Unterbewusstsein als falsch erkennen muss, oder er unterstellt anderen, eine äußerst unkritische Haltung anzunehmen, die in Wirklichkeit der eigenen Haltung gegenüber sich selbst entspricht. Er ist fähig im Rahmen dieses Manövers andere anzuklagen, ihn zum Rückfall ins Spielen zu drängen. Er kann GA-Freunde des Spielens bezichtigen, oder er kann anderen vorwerfen, dass sie ihn im Verdacht hätten, gespielt zu haben.

Das klassische Verhalten des süchtigen Spielers im Trockenrausch ist die Übermaß-Reaktion. Dabei reagiert der Spieler auf ein gewöhnlich unbedeutendes Ereignis oder Missgeschick mit einer offensichtlich unangemessenen Gefühlsintensität. Schon aus einem nicht ganz ersichtlichen oder belanglosen Grund kann er von hasserfüllter Empfindlichkeit gegenüber seinen Vorgesetzten oder Mitarbeitern sein. Er kann auf das Verpassen eines Telefonanrufes oder einer Verabredung mit außergewöhnlicher Heftigkeit reagieren. Indem er dies tut, scheint er aufgestaute Enttäuschung, Zorn und Empfindlichkeit an einem Objekt oder in einer Situation zu entladen, die ihm irgendwie an eine größere Enttäuschung in seinem Leben erinnert. Im Falle des süchtigen Spielers gibt es wenig Zweifel über die Art dieser vorherrschenden Ent-Täuschung.

Andererseits scheinen einige Spieler, die den Trockenrausch an sich erfahren, alle Antworten auf ihre Probleme zu wissen. Sie sind selten um Worte verlegen, wenn es zu einer Selbstdiagnose kommt. Oft ist ihr Wissen ziemlich eindrucksvoll und ihre scheinbare Selbsteinsicht (im Gegensatz zum wirklichen Selbstverständnis) ist überzeugend. Das sind die Einsichtsvollen.

Dem Phänomen der Einsicht zu folgen, ist ein weiterer Widerspruch zwischen den Worten und Taten des süchtigen Spielers. Er scheint die Kritik anzunehmen und spricht ausführlich über seine eigenen Fehler. Aber seine Unfähigkeit, Worte in wirksame Taten umzusetzen, ist offensichtlich. Die unmittelbare Wirkung der Einsicht besteht lediglich darin in anderen die Erwartung einer zukünftigen Besserung zu erwecken. Nachdem er sein Problem formuliert und den Beweis erbracht hat, dass er weiß, wie er es beseitigen kann, scheint der süchtige Spieler in der Lage zu sein, wirksame Maßnahmen für sich selbst zu ergreifen; doch was er tut, gleicht niemals seinen Versprechungen. Die Einsicht kann von der augenblicklichen Bereitschaft des süchtigen Spielers herrühren, Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen. Sein Stil wird geprägt von einem Abgleiten auf den Weg des geringsten Widerstandes sowohl in seiner privaten Umwelt als auch an seinem Arbeitsplatz. Als ein geübter und hervorragender Vertreter des „weichen Kurses“, der bewusst die Alternative wählt, die das geringste Maß an Unannehmlichkeit im Augenblick verspricht, ist der süchtige Spieler uneins mit dem, was er und die anderen als den verantwortlichen Weg erkannt haben. Sein Verhalten ist insofern voraussagbar, als er jedes Treffen in diesem Spiel des Ausweichens „gewinnt“.

Im Zusammenhang mit den Anonymen Spielern ist sogar die Form dieser Einsicht vorgezeichnet, um die Unannehmlichkeiten möglichst klein zu halten: er benutzt den recht spezialisierten Wortschatz der Anonymen Spieler und spricht über seine „Charakterfehler“, oder er sagt, dass er mit dem Leben nicht fertig wird. Dabei weiß er ganz genau, dass er sich den Unmut seiner GA-Freunde zuziehen und sich Unannehmlichkeiten bereiten würde, wenn er anders sprechen würde. Seine „Einsicht“ ist nur ein Lippenbekenntnis gegenüber den Prinzipien, die ihm in Wirklichkeit die Erleichterung bringen könnte, derer er bedarf. Das Sprechen über seine Fehler scheint für den Augenblick die Notwendigkeit zu beseitigen, etwas gegen sie zu tun. Was hier im Hintergrund am Werke ist, ist ein schwaches Bewusstsein in ihm, das nach Wandlung drängt. Die Einsichtsvollen handeln daher im Grunde nach ähnlichen Abwehrmanövern, die ausschließlich dafür bestimmt sind, die volle Erfassung einer unannehmbaren Situation zu verhindern.

 

Hilfsmaßnahmen

 

Der süchtige Spieler, der am Trockenrausch leidet, führt ein leeres Leben. Die Art seiner Erfahrungen in der Vergangenheit und die Art, wie er die Gegenwart erfährt, hindern ihn daran, die Erfüllung zu erreichen, die andere in ihrem Leben finden. Er ist außerordentlich begrenzt in seiner Fähigkeit zu wachsen, zu reifen und an den Möglichkeiten teilzuhaben, die das Leben bietet. Ihm fehlt die Frische und Ungezwungenheit - nicht die Erregbarkeit -, die wirklich nüchterne Spieler haben. Sein Leben ist ein geschlossenes System und seine Verhaltensweise stereotyp. Er besitzt nicht die Fähigkeit, aus den vielen Wegen des Handelns den einen auszuwählen, der für ihn am besten geeignet ist. Seine Auswahlmöglichkeiten sind gering und unfruchtbar; und er wird niemals jemanden damit überraschen, dass er sich selbst übertrifft.

Der Prozess der Selbsternüchterung verlangt vom süchtigen Spieler, dass er ein ungewohntes Maß an Selbstdisziplin in sein Leben integriert. Anfangs kann ihm ein diszipliniertes Verhalten in Bezug auf Ehrlichkeit, Geduld und Verantwortlichkeit lästig und mühsam erscheinen, weil er sich damit an eine Art zu leben gewöhnen muss, die ihm voller Willkür und Schwierigkeiten zu stecken scheint. Der Endpunkt seiner Bemühungen um Selbstdisziplin wird jedoch die Steigerung seiner Fähigkeit sein, kurzfristige und sogar recht schmerzliche Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen, wenn er am langfristigen Ziel einer echten und dauerhaften Spielfreiheit arbeitet. Es scheint, dass der süchtige Spieler es besonders nötig hat, wirklich einzusehen, dass er sein Leben allein nicht meistern kann. Er sollte ermutigt werden, sehr gründlich zu überlegen, ob die Schritte des Genesungsprogramms der Anonymen Spieler GA für ihn noch Gültigkeit haben.

Voller Hoffnung wird er anfangen, die ironische Torheit eines süchtigen Spielers richtig einzuschätzen, der glaubt, dass er plötzlich wieder mit seinem Leben fertig wird, dessen Schulden abgezahlt, dessen Gesundheit außer Frage steht, der es folglich nicht nötig hat, sein Leben einer Kraft, die größer als er selbst ist zu übergeben, der eine Inventur für überflüssig hält, da er selten - wenn überhaupt - im Unrecht ist, und der nicht länger vor der unbehaglichen Notwendigkeit steht, etwas wiedergutmachen zu müssen.

Wenn ihm einmal diese Ironie wirklich zu Bewusstsein kommt, - dass er es ist, immer noch unkontrolliert in seinem Spiel, immer noch machtlos, der diese bemerkenswerte Heilung erfahren hat, dann kann er genug Demut in sich fühlen, um eine Wandlung wirklich zu wollen. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, dass die Schritte des Genesungsprogramms als lebensnotwendiger Teil seiner spielfreien Existenz aufgewertet werden. Der süchtige Spieler wird bei der Erarbeitung jedes einzelnen Schrittes Hilfe brauchen. Diejenigen, die ihm helfen, sollten mit großer Sorgfalt die Wichtigkeit der Schritte betonen.

Hier sei zum Schluss die Aufmerksamkeit ganz besonders auf den dritten und den zehnten Schritt gelenkt:

 

3. Schritt: Wir fassten den Entschluss, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes - wie wir ihn verstanden - anzuvertrauen.

10. Schritt: Wir setzten die Inventur bei uns fort, und wenn wir Unrecht hatten, gaben wir es sofort zu.

 

Der süchtige Spieler, der unter dem Trockenrausch leidet, muss in erster Linie Demut lernen, muss lernen, dass es eine Kraft größer als er selbst gibt, - bevor er wirkliche Nüchternheit und Spielfreiheit erfahren kann. Er muss lernen, Gedanken und Handlungen zu vermeiden, die ihn dazu verleiten könnten, sein Leben allein meistern zu wollen.

 

Nach: R.J. Solberg, © Hazelden, in Übersetzung der amerikanischen Fassung, 1968