Ein aufrichtiger Wunsch 

Erfahrungsbericht von Ralf

Am Anfang muss ich in eine Selbsthilfegruppe erst mal nichts mitbringen, außer einem ehrlichen Wunsch, mit dem Spielen aufhören zu wollen. Wie war das damals mit mir, und meinem Wunsch aufzuhören?

Zu meinem ersten Gespräch in der Beratungsstelle der Suchthilfe wurde ich, ohne dass ich es wirklich wollte, hin gewünscht. Meine Freundin hat es sich so sehr gewünscht. Ich selbst wollte weiterspielen. Aber ich habe gedacht, geh da mal hin um sie zu beruhigen, und vielleicht können die dir auch gleich bei deinem finanziellen Engpass ein wenig weiterhelfen. Der Erkenntnis, dass ich ein massives Spielproblem habe, oder gar an einer Spielsucht erkrankt sein könnte, wollte ich erst gar keinen Raum geben. Ich war der felsenfesten Überzeugung, dass ich nur in finanziellen Schwierigkeiten stecke, die es zu lösen galt. Gut, das eine oder andere Mal habe ich es ja schon ein wenig mit der Spielerei übertrieben. Aber das kriege ich schon wieder in den Griff, wenn ich erst einmal meine Finanzen in Ordnung gebracht habe!

Spielsucht war damals auch noch keine anerkannte Krankheit. Spieler waren charakterschwache Menschen, denen man aber trotzdem helfen musste, um sie wieder in das Fahrwasser der Gesellschaft zu bekommen. Für eine fachliche Therapiebegleitung musste für die Krankenkassen noch zusätzlich ein psychosomatisches Krankheitsbild vorgeschoben werden. So einfach wie heute war das damals nicht mit der Anerkennung der Spielsucht als Krankheit, und dem damit verbundenem Anspruch auf qualifizierte fachliche Hilfe. Die psychosomatische Forschung stand in Deutschland erst am Anfang. So wurde ich auf dem Papier also erst einmal noch kränker gemacht, als ich es eh schon für mich war. Wollte ich für mich doch noch nicht einmal spielsüchtig sein, so wurde ich, zumindest auf dem Papier, nun gleich richtig psychisch krank gemacht. Nach fünf Sitzungen bei einem Psychotherapeuten war meine Krankheit für mich geheilt. Ich habe mich selbst als gesund wieder entlassen. Wohin mich also dieser gut gemeinte, fremdgewünschte Wunsch, hingeführt hat, kann sich der eine oder andere schon mit Sicherheit denken. Richtig, in die Gosse. Mit dem Gesicht nach unten in den Rinnstein. Zwischen diesem ersten Besuch in der Beratungsstelle und meinem letzten Spiel lagen dann noch einmal über sechseinhalb Jahre, in denen ich durch die Hölle gehen musste. Doch dann war er endlich da: „Der Wunsch! Der aufrichtige Wunsch!“ Und jetzt war es auch mein Wunsch. Mein ehrlicher Wunsch. Ich wollte und konnte dieses mich in allen Bereichen krankmachende Leben nicht mehr leben. Ich wollte einfach nicht mehr. Ich hatte einfach keine Kraft mehr dazu. Ich war endlich am Nullpunkt meiner tiefen Lebenskrise angekommen. Doch meine Lebenskrise wurde auch zu meinem schöpferischen Sprung. Zu einem Sprung in ein neues Leben. Denn mein Wunsch war auch gleichzeitig meine letzte Hoffnung gewesen. Was anderes gab es nicht mehr. Die andere Lösungsmöglichkeit wäre nur noch der Tod gewesen.

Ich habe in meinem Leben und im Verlaufe meiner Suchtbiographie für mich erfahren dürfen, dass ich diesen Tiefpunkt gebraucht habe. Ich war angekommen an dem Punkt, an dem ich mich nur noch zwischen einem Leben ohne Spiel und ohne Suff, oder dem Tod im Spiel und im Suff entscheiden konnte. Gott sei Dank durfte und konnte ich mich noch entscheiden. Diese Feststellung ist nicht pauschalisierbar. Jeder Suchtkranke erfährt und erlebt seinen persönlichen Tiefpunkt auch völlig anders. Der eine landet nach seinem fünften Banküberfall für die nächsten 15 Jahre hinter Gittern und kommt erst dort zum Nachdenken und Aufwachen, der andere hat vielleicht einen Goldbarren seiner Eltern verspielt, oder auch nur sein Konto bis zum Anschlag überzogen. Jeder erlebt seine Niederlage ganz individuell. Jeder erlebt auf seine ganz eigene Art seinen persönlichen Tiefpunkt. Doch eines Tiefpunktes bedarf es bei Jedem. Das Erreichen des persönlichen Tiefpunktes, ist, auf jeden Fall aus meiner Sicht heraus, die Voraussetzung für das Eingeständnis meiner Machtlosigkeit dem Spielen gegenüber. Die Voraussetzung für die Kapitulation. Die Voraussetzung, um heil werden zu können. Denn ohne die Kapitulation, ohne das Eingeständnis meiner persönlichen Niederlage, ohne die eigene Erkenntnis, dass ich krank bin, kann keine Genesung erfolgen. Denn wo für mich keine Krankheit ist, kann folglich auch keine Genesung greifen. Und genauso hat erst diese persönliche Annahme und Verinnerlichung meiner Krankheit Spielsucht, mich auch erst wirklich in den Gruppen ankommen lassen. Daraus sind nun fast beinahe 30 Jahre geworden. Am Anfang stand mein Wunsch spielfrei und nüchtern zu werden. Dieser Wunsch hat mein komplettes Leben verändert. Der Glaube, und die anfängliche Hoffnung darauf, dass Gott vielleicht auch noch für mein völlig entgleistes Leben einen Plan haben könnte, hat sich erfüllt.

 

Gute 24 Stunden,

Ralf