Fallen ist menschlich 

Erfahrungsbericht von Ralf

Nachdem ich 1988 für mich festgestellt hatte, dass mein Spielen mich immer mehr in finanzielle Schwierigkeiten bringt, besorgte ich mir einen ersten Termin bei einer Suchtberatungsstelle.

Dies ist nun 35 Jahre her. Eine lange Zeit; ein weiter Weg, auf dem ich oft wieder hingefallen bin. Sehr oft. War mein Fallen anfänglich auch immer mit Rückfällen begleitet, bei denen ich mir im Vorfeld meist die gleichen Fragen stellte: „Bin ich wirklich ein süchtiger Spieler? Bin ich wirklich Alkoholiker? Habe ich mein Leben wirklich nicht mehr im Griff? Brauche ich wirklich die Hilfe anderer?“

So habe ich über sechs Jahre weiter gespielt und weiter getrunken. Das Hinfallen wurde immer schmerzhafter. Immer tiefer rauschte ich auf meiner Leiter dem Abgrund entgegen. Die Sprossen auf meiner Leiter nach unten schienen nur so unter meinen Füßen durchzubrechen. Ein Abrutschen ins Bodenlose. Warum so lange? Warum so oft durch dieselben Fallen hinfallen? Immer in dem Wissen darum, dass ich nach meinem nächsten Rückfall vielleicht nicht mehr die Kraft aufbringen kann, wieder aufzustehen.

Doch die Frage nach dem Warum, wurde nach meinem letzten Spiel und meinem letzten Schluck zur Frage nach dem Wozu? Wozu noch diese Leidenszeit, obwohl mir gedanklich doch schon lange klar war, dass ich Spieler und Alkoholiker bin? Wozu, wenn ich doch weiß, dass ich die Kontrolle über mein Spielen und Trinken schon vor langer Zeit verloren habe?

Heute weiß ich immer noch nicht mit Sicherheit, was mich im Enddefekt im Einzelnen wirklich dazu veranlasst hat, den Schalter umzulegen. Ich denke, es war die Fülle der wichtigen Erkenntnisse über mich selbst und mein Krankheitsbild, die ich in der SHG-Gruppe und durch geistlichen Beistand erhalten habe und die mich auf den Weg der Kapitulation führten. Ich hätte mit Sicherheit noch Monate, vielleicht auch Jahre so weiter machen können, bis ich mich zu Tode gesoffen und gespielt hätte, aber ich musste es nicht mehr. Mein mit Dornen übersäter Weg des Fallens hatte mir die Frage des „Wozu“ beantwortet. Mein gesamtes Leben, mein ganzes Denken, und mein Handeln mir selbst und meinen Mitmenschen gegenüber, war nicht gesund. Ich hatte nicht nur massive Probleme mit meinem Spielen und Trinken, sondern mit meiner ganzen Persönlichkeit. Emotional und geistig erkrankt. Das war die Diagnose, die es anzunehmen galt. Die bewusste Annahme und Akzeptanz meiner Krankheit, war der erste Meilenstein auf meinem Weg der Genesung. Daran musste ich mich heranwagen.

Das 12-Schritte-Genesungsprogramm ist ein Orientierungsprogramm, das ich für mich in Anspruch nehmen kann, um die wahren Schwierigkeiten in meinem Leben zu erkennen und in dessen Anwendung und Umsetzung ich Lösungsansätze für einen gesunden Weg der Genesung finden kann. Dabei war für mich die Suche nach meinem spirituellen Halt, nach meiner Kraft, größer als ich selbst, von enormer Wichtigkeit. Diese Kraft, und die Verbindung zu ihr, brauche ich auch heute, um mit ihrer Hilfe wieder aufstehen zu können, wenn ich falle. Das Hinfallen hat nach meinem letzten Spielrückfall nicht einfach aufgehört. Das Leben stellt mir in seiner ganzen Bandbreite oft genug ein Bein, das mich auch immer wieder straucheln und fallen lässt. Doch mit Gottes Hilfe brauche ich dabei nicht mehr zu trinken und zu spielen. Und ich darf zu jeder Zeit und an jedem Ort nach seiner stärkenden Hand, die ich meist durch meine Ichbezogenheit und Selbstverliebtheit immer wieder loslasse, voll Hoffnung und Vertrauen greifen, um die Kraft zu bekommen, wieder aufstehen zu können. Gott lässt es auch zu, dass ich falle, um durch mein Fallen die richtigen Schlüsse für mein Leben ziehen zu können, aber er will mit Bestimmtheit nicht, dass ich liegenbleibe. 17 Jahre habe ich es ohne meine höhere Macht versucht, und bin beinahe dabei gestorben. Ja, die Frage nach dem „Wozu“ wird mir beantwortet, wenn ich bereit dafür bin.

Ich möchte meinen Beitrag mit dem Sprichwort schließen: „Fallen ist menschlich, liegenbleiben ist teuflisch, wieder aufstehen ist göttlich.“

 

Gute 24 Stunden,

Ralf