Neunter Schritt

„Wir machten bei diesen Menschen alles wieder gut, wo immer es möglich war, – es sei denn, wir hätten dadurch sie oder andere verletzt.   

Unser 12-Schritte-Programm ist das Programm der kleinen Schritte und der langen Wege. Wir können all das, was wir in langen Jahren an zwischenmenschlichen Beziehungen an die Wand gefahren und teilweise regelrecht zerstört haben, nicht einfach mal so schnell wieder gerade rücken und dabei überfallartig zwischen Tür und Angel bei den Betroffenen in Ordnung bringen. Nicht mal kurz mit der Planierraupe anrücken und alles schön sauber und akkurat einebnen, um dann so schnell als möglich wieder verschwinden zu können.

Nein, der 9. Schritt geht nicht einfach mal so flott und sauber abzuarbeiten. Er braucht seine ganz eigene Zeit; das richtige Taktgefühl bei jeder einzelnen Person; eine individuell angepasste und behutsame Vorgehensweise und die dabei jeweils angemessene Geschwindigkeit.  

 

Liste der Verantwortlichkeit

 

Im 8. Schritt haben wir eine Liste mit Namen von wichtigen, uns teilweise sehr nahestehenden Menschen, ggf. auch von Einrichtungen/Vereinen oder ähnlichem, erstellt, denen wir, in welcher Form, Bedeutsamkeit, oder welchem Ausmaß auch immer, Schaden, teilweise erheblichen und massiven Schaden zugefügt haben. Wir selbst stehen mit auf dieser Liste, wie im 8. Schritt schon angesprochen.

Ganz oben auf dieser Aufstellung sollte dann auch unser eigener Name stehen, denn wir selbst sind eine äußerst wichtige und zentrale Person auf dieser Liste.

Und bei uns sollten wir auch anfangen, damit wir die ständigen Schuldzuweisungen gegenüber uns selbst endlich zum Schweigen bringen. Wir brauchen Ruhe und Klarheit im 9. Schritt, und in unserem Leben.

Wir sind jetzt schon geraume Zeit auf dem Weg im 12-Schritte-Programm unterwegs; haben unser zwanghaftes Spielen zum Stillstand gebracht, Vertrauen in eine höhere Macht gefunden, Inventur gemacht und dessen Ergebnisse mit einer Vertrauensperson besprochen und dabei miteinander Veränderungsansätze und Lösungsmöglichkeiten erarbeitet. Wir befinden uns inmitten eines enormen Umwälzungsprozesses in unserem Leben; in einem, nun auch für uns, sichtlich spür- und erkennbaren Charakterwandel.              

Nun sollten wir auch endlich damit aufhören uns selbst als schlechte und unzuverlässige Menschen anzusehen, denen sowieso niemand mehr vertrauen kann und wird. Nein, denn wir sind endschlossen dabei, unser Leben, unser komplettes Leben zu verändern und es völlig neu auszurichten.

Diese Bereitschaft haben wir uns selbst beim Gang durch die vergangenen acht Schritte mehr als bewiesen. Wir befinden uns nicht im Programm des Zwanges der ewigen persönlichen Schuldzuweisungen, sondern im Programm, das uns zu geistiger Nüchternheit, zu einem spirituellen Erwachen und am Ende in die persönliche Freiheit führt. Wir werden nie mehr zu Sklaven irgendeiner Sucht werden, wenn wir auf diesem Weg bleiben. Niemals mehr!

Der Gott des 3. Schrittes hat uns schon lange vergeben, falls wir das noch nicht bewusst wahrgenommen, gefühlt und gemerkt haben sollten. Nur wir selbst haben das noch nicht getan. Deshalb steht unser Name auf dieser Liste ganz oben. Wir dürfen, wir können und wir sollten uns jetzt endlich vergeben. Diese Vergebung gegenüber uns selbst macht uns erst bereit und stark genug für den 9. Schritt.

Denn jetzt kann kommen, was will. Ob die Menschen unsere Wiedergutmachung akzeptieren und annehmen, oder auch nicht, wird uns nicht mehr aus der Bahn werfen, weil wir durch unsere höhere Macht Klarheit in unserem Denken erhalten haben.

 

Wir machten bei diesen Menschen alles wieder gut, wo immer es möglich war, …

 

Wiedergutmachung braucht – wie vorab schon erwähnt – ihre angemessene Zeit und die gebührende Sorgfalt, wenn alte Wunden wirklich einmal wieder heilen sollen. Sie erfordert unseren ganzen Mut, um mit der richtigen Verantwortung ehrlich auf die Menschen zuzugehen, die wir in unserem Leben emotional verletzt und/oder finanziell geschädigt haben. Sollten wir nur widerwillig und nicht mit offenem, ehrlichem Herzen um Verzeihung bitten, dann sollten wir es lieber ganz sein lassen.

Wir haben lange genug mit Menschen, nicht nur mit denen in unserem persönlichen Umfeld, gespielt, sie für unsere Zwecke systematisch manipuliert, ausgenutzt und wie reife Früchte bis auf den letzten Tropfen ausgepresst und deren Hüllen einfach achtlos weggeworfen. Nein, richtig, oder gar nicht. Und wenn es uns das eine oder andere Mal durchaus auch wie der Gang nach Canossa vorkommen wird.

Wir bekommen bei den Anonymen Spielern im 9. Schritt alle unseren Teelöffel zur Hand, mit dem wir  beginnen können, Löffel für Löffel unseres angehäuften Berg von Schuld an den Menschen abzutragen.

Das GA-Programm fordert uns als ganzen Menschen, mit allem, was wir sind und jemals waren. Mit allem, was das Mensch sein ausmacht, mit unseren Stärken und Schwächen. Wir können die 12 Schritte nicht eben mal so schnell und nebenbei an einem schönen Wochenende, oder von zu Hause aus im angenehm warmen Wohnzimmer machen. Der 9. Schritt fordert uns dazu auf aktiv zu werden, mit den Menschen auf unserer Liste persönlich Kontakt aufzunehmen und dabei nach Möglichkeit das persönliche Gespräch zu suchen. 

Ab und an werden bei diesen Schritten immer wieder auch leichte Zweifel in uns aufkommen, ob wir nun wirklich bei allen diesen Menschen auf unserer Liste des 8. Schrittes Widergutmachung leisten müssen. Die gehören wohl bei den allermeisten mit dazu. Kurzzeitig spielen wir vielleicht auch mit dem Gedanken, den einen oder anderen Namen, vordergründig die unbequemsten Personen darauf, einfach zu streichen. Da waren jetzt doch nicht wenige Menschen in all den Jahren zusammengekommen, die sich nun auf unserer Liste versammelt haben.

Doch wir sind jetzt schon zu lange in den Gruppen und im Programm unterwegs, um nicht zu wissen, dass jede Art von Selbstbetrug auch ein erheblicher Rückschritt auf unserem Genesungsweg sein kann, wenn nicht sogar die Vorbereitung für den möglichen Einstieg in einen erneuten Rückfall.

Durch unsere Therapie- und Meetings-Erfahrungen, unserer bisherigen Arbeit in den Schritten, wissen wir mittlerweile zu gut, dass uns die alten Geister der Vergangenheit nicht in Ruhe lassen werden. Egal, wie sehr wir auch immer wieder versuchen würden, alles zu verdrängen, oder es uns entsprechend schönzureden, bis wir vielleicht wieder wirklich selbst daran glauben könnten, dass dies alles doch nicht so dramatisch war, und ist. Nein, wie sehr wir uns auch immer darum bemühen sollten, wir können und dürfen nicht mehr vor unserer Vergangenheit davonlaufen.

Unser bisheriger Weg wäre dadurch massiv gefährdet, vielleicht umsonst gewesen.

Die meisten von uns haben zuerst damit begonnen in der Familie, bei unseren Lebenspartnern, der Verwandtschaft, also bei unseren Allernächsten, Wiedergutmachung zu leisten.

Im näheren und familiären Umfeld zu beginnen macht auch durchaus Sinn. Nur die allerwenigsten von uns sind gewohnt, solche Wege der Versöhnung anzustreben und schlussendlich dann auch zu gehen. Diese dann ersten Gespräche innerhalb unserer engeren Familie werden für uns anfänglich einfacher zu führen sein, wenn dabei auch vielleicht weitere, oder schneller ausgesprochene, Vorurteile damit einhergehen können. Doch die Gespräche zur Aussöhnung mit unseren Nächsten nehmen uns unsere anfängliche Unsicherheit und Angst, die wir auch ablegen sollten, damit wir den anderen Menschen zwar mit der angemessenen Demut, aber auch in aufrechter Haltung und mit Würde begegnen können. Denn wir sind jetzt auf dem richtigen, auf einem guten Weg unterwegs. Das dürfen und sollten wir nicht vergessen. Wir brauchen vor niemandem zu Kreuze kriechen. Das ist auch niemals der Sinn des 9. Schrittes gewesen.    

Was bei einigen wenigen dieser Gespräche durchaus einmal unbewusst wahrgenommen wird, vielleicht auch deutlich spürbar ist, ist ein uns zu durchdringen versuchender Blick, mit der darin verborgenen, jedoch unausgesprochenen Frage und der gleichzeitigen Feststellung: „Na, ob der das wirklich schafft, trocken zu bleiben? Ich weiß nicht!? Der fängt doch bestimmt wieder an zu spielen, wie ich den kenne.“

Das ist dann natürlich immer nur eine jeweils rein hypothetische und gefühlsmäßige Annahme von uns. Eine gewisse Feinfühligkeit steckt bei derartigen Gesprächen wohl aber in jedem von uns. Diese Fein-Sensorik, Fein-Justierung unserer Sinne, sollte uns auch durchaus bei diesem Schritt begleiten, nicht aber vordergründig wegen dem jetzt vorgenannten hypothetischen Beispiel.

Doch sollte uns eine solche Wahrnehmung widergespiegelt werden, dann ist es auch Teil unsere Aufgabe im 9. Schritt, diese Last anzunehmen und mit der dafür benötigten Verantwortlichkeit zu tragen. Denn diese, vielleicht auch für immer bleibenden Enttäuschungshaltungen, sind das nun erst richtig sichtbar gewordene Spiegelbild und traurige Produkt unseres egozentrischen, ichbezogenen Lebenswandels, den wir rücksichtslos und zu Lasten anderer Menschen geführt haben.  

Überwiegend waren aber die uns entgegengebrachten Reaktionen in den Wiedergutmachungsgesprächen bei fast ausnahmslos allen von uns, die wir den 9. Schritt gegangen sind, von wirklicher Erleichterung, Dankbarkeit und auch großem Erstaunen der Menschen geprägt.

Manchmal kann es sein, dass Menschen, bei denen wir was wiedergutzumachen haben, leider schon verstorben sind. Diese Entschuldigungen sollten wir genauso aufrecht unserer höheren Macht zuleiten, um auch mit ihnen in Frieden abschließen zu können.

Sollte jemand partout nicht mehr auffindbar sein, um ein persönliches Versöhnungsgespräch zu führen, können wir auch einen Brief schreiben und ihn geistig oder symbolisch versenden und ihn dann solange für uns hinterlegen, bis vielleicht die Person doch noch einmal in unser Leben tritt.

Auf jeden Fall sollten wir auch solch einen Weg der Wiedergutmachung ebenfalls mit dem Gott unseres Verständnisses zusammen gehen. Wir brauchen für unser neues Leben in solchen Fällen die Gewissheit der Vergebung, sonst finden wir nicht den Frieden, den wir dringend benötigen. Und diese Gewissheit kann uns in diesem Fall nur Gott geben.

 

..., - es sei denn, wir hätten dadurch sie oder andere verletzt

 

Manchmal gibt es in unserem Leben allerdings auch Geschehnisse und Vorkommnisse, die es uns später nicht immer so einfach machen werden, vorbehaltlos, und in allen Teilbereichen, eine offene und aufrichtige Wiedergutmachung zu leisten.

Wer vor derart schwierigen Entscheidungsfindungen bewahrt bleibt, sollte dankbar sein.

Was ist, wenn ich durch eine Offenlegung gewisser Gegebenheiten und Vorkommnisse während meiner Suchtzeit einem Menschen noch mehr Schaden zufügen würde, ihn dadurch noch mehr und tiefer verletzen könnte, als es ohnehin schon der Fall ist?

Es gibt also auch durchaus Umstände, da sollten wir uns vorher dringend von erfahrenen Gruppenfreunden die schon länger nüchtern im Programm unterwegs sind, von einem Verhaltenstherapeuten, von Glaubensgeschwistern, oder auch bei einem Geistlichen, Rat und Hilfe einholen. Das kann z. Bsp. ein Seitensprung sein, durch dessen Eingeständnis ich auch die daran beteiligte Person massiv in ihrem Leben in Schwierigkeiten bringen würde, oder könnte, wenn mein Noch-Partner keine Ruhe gibt und Nachforschungen einleitet, die dann bis hin zu Denunzierung und einem Privat-Krieg führen können.

Können wir also, damit wir für uns die vielleicht benötigte und angestrengte Absolution erhalten, einfach  andere Leben gefährden, oder dadurch gar zerstören?

Wir denken, nein. So einfach können wir es uns nicht machen. In solchen Fällen gilt es auch immer abzuwägen, versuchen das für den aktuellen Zeitpunkt und die entsprechende Lage wirklich richtige zu tun. Wir sollten auf keinen Fall zu vorschnell handeln.

Genauso wenig, wenn wir irgendwann einmal vielleicht Geld oder Sachgegenstände bei unserer Firma, unserem Arbeitgeber abgezweigt haben. Haben wir einfach das Recht, für ein gutes Gefühl in uns, dadurch eine fristlose Entlassung zu riskieren, wenn es nicht nur um uns geht? Wenn das Auskommen der ganzen Familie, unserer Kinder an dem Gehalt einer solchen Arbeit hängen?  

Wir sollten also immer gewissenhaft versuchen, die bestmögliche Entscheidung für alle Beteiligten zu treffen. Dies ist in solchen Fällen beileibe keine wirklich leichte und einfache Aufgabe und Herausforderung. Und die, welche sie treffen und bewältigen müssen, sind nicht zu beneiden.

 

Genesung beinhaltet auch Verantwortung

 

Die Schritte Sieben, Acht und Neun bezeichnen wir in der Gemeinschaft der Anonymen Spieler, oder allgemein in allen 12-Schritte-Gruppen, auch als die Schritte der Demut im Genesungsprogramm. Sie sind geprägt von Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Verantwortung.

Gerade diese drei authentischen und so enorm wichtigen Schritte, spiegeln den wahren Geist unseres neuen Lebens-Weges im 12-Schritte-Programm der Anonymen Spieler sehr gut und auch recht verständlich wider.

Und so soll jetzt aber hier zum Schluss und dem Ankommen am Ende dieses so enorm wichtigen Schrittes,  auch das Großartige und Entscheidende gesagt werden: „Mit Abschluss des 9. Schrittes, haben wir unser altes Leben endgültig aufgearbeitet!“

Wir haben es nun befriedet und können es loslassen. Ihm endlich den Platz in uns zukommen lassen, wo es einfach sein darf. Ein Teil von uns sein darf. Ein Teil unserer nicht immer einfachen Geschichte, ein Teil unseres Ichs, ohne dass es ständig und immer wieder aufs Neue Schmerz in uns auslösen und verursachen muss. Wir können es jetzt, als einen Teil, der unwiderruflich zu uns gehört, akzeptieren und annehmen. Wo es sein darf, mit all unseren ganzen negativen und auch den positiven Erfahrungen und Erlebnissen. Gott hat all die vielen vergossenen Tränen des Schmerzes und der Verzweiflung unseres alten Lebens aufgefangen und was Gutes daraus geformt, entstehen und wachsen lassen. Ein neues Leben. Und in diesem neuen Leben sind wir durch Ihn jetzt auch dazu berufen, zu Botschaftern zu werden, zu Botschaftern der Hoffnung für andere. Für die, die noch leiden.“

Auch das ist ein wichtiger Teil unserer Wiedergutmachung. Wir haben auch der Gesellschaft und der Solidargemeinschaft der Menschen viel zu verdanken, denn vielen von uns ist es ermöglicht worden, in langen stationären und ambulanten Therapien unser Leben unter fachbezogener Anleitung, Betreuung und Fürsorge aufzuarbeiten, um wieder neu Fuß fassen zu können. Wir sind dankbar, dass die enormen Kosten dafür durch die Solidargemeinschaft getragen wurden. Das alles ist nicht selbstverständlich. Auf jeden Fall nicht für uns, die wir nun auf dem Weg der 12 Schritte unterwegs sind.

Mit unserer Genesung von der Sucht und dem großen Geschenk der Freiheit, wieder wirklich selbst in allen Bereichen unseres Leben entscheiden zu können, haben wir nun auch ein gewisses Maß an Verantwortung mitbekommen. Verantwortung dafür, die Botschaft der Hoffnung im Sinne des 12. Schrittes weiterzugeben.